Kleiderei

Mai 2014. Ein mittelgroßes Projekt liegt erfolgreich abgeschlossen hinter David, Rico und mir. Man nimmt sich vor sich um interne Projekten zu kümmern, die ständig auf der Strecke bleiben. Wie das oft so ist, schiebt man sich stattdessen prokrastinierenderweise durch sein Socialmedia-Feed. 

(Ein Essay von Jan)
2014
Kleiderei Hamburg
fashion
Konzept Design Software-Entwicklung Infrastruktur

Schluss damit. Denk nach. Wie schaffen wir es, unser bereits auf Kundenprojekten laufendes und somit reales Software-Produkt online zu inszenieren, ohne dabei anzumuten wie jeder x-beliebige billig eCommerce Hansel aus der Template-Hölle. Sich für Auftraggeber Konzepte auszudenken ist irgendwie einfacher. Neuer Versuch, Template-Hölle klingt gut. 

»Boutique ist für Sie die richtige Wahl, wenn Sie keine Lust auf konsumorientierten Einheitsbrei und Designtemplates von der Stange haben. Wozu haben Sie sonst viel Mühe, Kosten und Zeit in ein adäquates Corporate Design gesteckt? In vielen Fällen reicht es eben nicht aus, nur Hintergrundbild und Buttonfarbe zu ändern.« 

Puh. Ziemlich harter Text. Aber das neue Album von Protomartyr ist verdammt gut. Wahh, Übersprungshandlung! Verdammt, inhaltlich mag das zwar stimmen, aber das alles klingt schlimmer als der schreiende Aale Dieter vom Fischmarkt. »Boutique ist ein modernes eCommerce System mit ausgefeiltem CMS. Gemacht mit viel Liebe zum Detail und großartigen Features.« Ganz ehrlich, das klingt schlimmer als Aale Dieter. Beim Scrollen entdecke ich einen Post von Lorin Strohm, der einen Beitrag der Hamburger Kleiderei auf seiner Pinnwand geteilt hat: »Kleiderei soll online gehen. Dafür brauchen wir eure Unterstützung beim Crowdfunding auf Startnext.«



Ich weiß es doch auch nicht, vielleicht so: »Andere Shopsysteme sind in der Schnittstelle zwischen Konzept, Design und Code so wirr verkabelt, dass man Angst hat wichtige Stecker zu ziehen. In Boutique werden die Leitungen erst gelegt, wenn Grundgerüst und Anforderungen stehen. Wozu also alles neu verkabeln?« Schön, das alles klingt logisch. Nur wie werden wir diese Tonalität los, wo wir doch behaupten, bei uns sei alles besser und vor allem anders als bei 0815-Lösungen? Alles sei am Kunden entlang entwickelt. Wunschkonzert, was möchtest du, du bekommst es. Zu schön, um wahr zu sein. Das glaubt einem doch niemand. Kleiderei soll online gehen. Irgendwie bleibt das die ganze Zeit hängen. Kleiderei, davon hatte ich schon mal gehört. Fast zwei Jahre muss das her sein. Irgendwo tauchte das auf, irgendwo las ich bereits davon. Ein kluges Konzept dachte ich damals. Klamotten leihen, statt sie zu kaufen. Cool. »Boutique ist modular aufgebaut. Das bedeutet, dass es sich flexibel an Ihre Bedürfnisse anpassen kann. Wir setzen ausschließlich auf Erweiterungen, die von uns implementiert, getestet und verifiziert worden sind. Was unsere Module versprechen, halten sie auch.«  Ehrlich gesagt, mag ich das alles selbst nicht lesen. Wir klingen tatsächlich genau wie die Designer und Softwareentwickler, die wir nie sein wollten. »Verwalten Sie Ihre Produkte, fassen selbige zu Gruppen zusammen und lassen Sie die anfallenden Versandkosten vom System dynamisch berechnen. Das alles in logischen Bestell- und Lieferabwicklungen, inklusive Zahlungsmethoden via PayPal, auf Rechnung oder Vorkasse. Einfacher geht es nicht.« Oha. Es wird nicht besser. »Erstellen Sie individuelle Gutschein- oder Rabattaktionen und verteilen Sie Codes zum Einlösen an Ihre Kunden. Bestimmen Sie selbst die Anzahl, Regeln und wie beim Kauf abgerechnet wird.« Stop. Es reicht mir jetzt. Machen wir uns nichts vor, ich habe geschlagene zwei Tage lang nur Textwüsten produziert. Das ist für’n Ascheimer. Wüste, trocken. Mir ist warm und ich hole mir eine Limo aus dem Kühlschrank.

Wie würde man so etwas eigentlich angehen, ein Online-Verleihsystem für Kleidung? Ein normales Shopsystem was man sich irgendwo besorgen kann fällt doch komplett aus – in Online-Shops kauft man Produkte und schickt sie höchstens zurück, wenn Schuhgröße 44 doch zu groß ausgefallen ist oder wenn die 6. Hochzeitsfeier im Jahr vorbei ist und das Sakko samt Etikett wieder ungewaschen zurück muss. Die Produkte eines Verleih-Shops – oder wie auch immer man es nennen will – kommen nach einer bestimmten Zeit zurück per Post und müssen wieder im System hinterlegt werden und wieder online gestellt werden, damit sie fertig für den Nächsten der sie leihen möchte sind. Alleine logistisch gesehen ist das eine Herausforderung. Für alle Beteiligten. In meinem Kopf rattert es und ich versuche alle Sandkörner der Textwüste aus dem Getriebe zu bekommen.

Ich schreibe Lorin an ohne vorher mit meinen beiden Team-Kollegen darüber zu sprechen. Mir gefällt das Konzept, mir gefällt die Idee, ich weiß wir alle lieben Herausforderungen und es ist ein Projekt, welches ich gerne umsetzen würde. Kennt Lorin mich überhaupt noch? Facebook vergisst nichts – die letzte Nachricht ist fast 1 1/2 Jahre her. Es gibt größere Probleme.



Jan-Frederic Goltz       19.05.2014 14:05

Hallo Lorin,
 lange nicht gesehen und gehört. Schade eigentlich! Und nun sag mal – neulich hast du die Crowdfunding-Campagne der Kleiderei gepostet. Ich fand das sehr interessant und wir haben uns gedacht, die würden wir gerne unterstützen. Vielleicht nicht mit Geld, aber mit Software. Hintergrund ist, dass wir vor einiger Zeit selbst ein CMS-Shop-System geschrieben haben, was gut für die Kleiderei passen würde. David, unser Programmierer hat sogar aus seiner Studienzeit viel Erfahrung mit Online-Leihsystemen. 

Bevor wir da nun so unvermittelt reinplatzen, wollten wir lieber erst mal bei dir anfragen, da ich davon ausgehe, dass du / ihr vermutlich schon fest in das Vorhaben involviert und ggf. schon mit geplant habt, ob daran überhaupt Interesse besteht. Falls du Dinge weißt, lass es mich gerne wissen. Einfach so reindrängen wollen wir uns da nicht. 



Lieber Gruß,

Jan 


Lorin Strohm       19.05.2014 14:11 

Hey Jan!

 Ja, war aber auch nicht so viel unterwegs die  letzte Zeit… 
Das hört sich super an! Ich leite das gleich mal an die Girls weiter.


Lieben Gruß, L



P.S.: Gibt es irgendwie was zu sehen oder zu lesen 
über das Shop System?


Jan-Frederic Goltz       19.05.2014 14:22


Cool! Wir bereiten gerade eine kleine Infoseite zum System vor, zu der ich gerade die Texte schreibe. Deshalb braucht die leider noch ein Weilchen, ich sitze gerade an den Texten. Wir haben gerade ein Projekt abgeschlossen, welches dieses System nutzt, danach wollen wir alle Texte und Infos zusammentragen und dann auf eine Seite packen, um das System namens »Boutique« zu promoten. Ein Video ist diesbezüglich auch in der Mache. 

Der Hintergrund warum wir ein eigenes System geschrieben haben ist, das wir z.B. designtechnisch immer an Grenzen des vorhandenen CMS gestossen sind. Die sind oft schon so verkabelt und es hat immer genervt erst alle Stecker zu ziehen, um dann wieder neuzuverkabeln. Wir haben in den letzten Jahren viele Shopsysteme gesehen und irgendwie waren die immer alle irre kompliziert. Ein paar waren gut, aber dann gab es auf der anderen Seite wieder Dinge, die nicht so schön waren und seien es blöde Netto / Brutto Umrechnungsfehler. Wir wollten da die Mitte zwischen den ganz kleinen und den Enterpriselösungen finden. Gerne können wir uns aber mal hier in der Budapesterstraße treffen und ein paar Dinge live vorführen. Bestimmt einfacher. Sonst schreibe ich mir hier einen Wolf.

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Zehn Tage später sitzen wir gemeinsam mit Lorin, Dux dem Hund, Thekla und Pola von der Kleiderei bei uns im Besprechungsraum in Hamburg. Es gibt Kaffee und Limonade, das Crowdfunding ist gerade erst angelaufen. Es sollen 15 000 Euro gefundet werden. Wir präsentieren Projekte, die wir mit Atelier Disko in den letzten 2 Jahren umgesetzt haben. Der Shop für Cleptomanicx, der Online-Shop für Grand Hotel van Cleef. Der neue Shop für Rainmap, der komplett auf unserem selbst entwickelten eCommerce System »Boutique« läuft. Wir präsentieren Boutique. David erzählt von seiner Zeit in der Universität, wo er sich Geld in der Mediathek dazuverdiente. 

»Wir hatten dort unten im Verleihkeller der Hochschule ebenfalls ein Datenbank-System. Das hat meist ganz gut funktioniert. Um genau zu sein genau so lange, bis jemand vergessen hat, seine ausgeliehene Kamera zurückzubringen und bereits der Nächste am Tresen stand, um die von ihm reservierte Kamera auszuleihen. Ich schätze eurer Projekt als Mittel-Komplex ein. Vielleicht sogar schwieriger. Das ist alles nicht so ohne. Wir wissen nicht, ob ihr schon mit jemandem über die technischen Tücken oder die Umsetzung gesprochen habt, aber niemand stellt so etwas ad hoc auf die Beine. Das Konzept und das Design ist eine Sache, ja – es sieht aus wie eine Art Shop, klar. Aber was dahinter steckt, ist kein Standard eCommerce-System das man sich im Internet zusammen klickt und per PayPal bestellt. Das findet man nicht auf der Straße. Das alles muss jemand speziell für euch und eure Zwecke entwickeln.« (David von Atelier Disko) 


Es wird sehr still im Raum. Das einzige was Geräusche macht ist Dux the Dog, der aus dem von mir hingestellten Edelstahl-Topf Wasser schlürft. Wir verabschieden uns und irgendwie fühlt sich trotz der unsteten und ungewissen Situation alles positiv und sogar ein wenig vertraut an. Wird schon werden. Es wird doch immer. Ein paar Wochen vergehen. Das Crowdfunding läuft schleppend. Die Fussball-WM hingen, ist im vollen Gange. Die Girls geben Gas. Newsletter. Facebook Post. Updates auf Startnext. Freunde und Bekannte werden mobilisiert. Alle teilen wie bekloppt. Die Kleiderei Girls haben zu dieser Zeit 6000 Fans auf Facebook. Wenn nur jeder von ihnen 2,50 spenden würde. Einen Tag vor Schluss macht es finanziell einen deutlichen Ruck nach vorne. Plötzlich scheint sich etwas zu bewegen. Lagen vorher alle im WM-Fieber?


Jan-Frederic Goltz       20.07.2014 22:51
Das ist ja spannender als das WM-Finale

Lorin Strohm               20.07.2014 23:11
Götze!!!

Jan-Frederic Goltz       20.07.2014 23:14
Das war in der 113’ – es gibt hier keine 
Nachspielzeit, Lorin.

Lorin Strohm               20.07.2014 23:16
Oh fuck! Dann Neuer raus in den Sturm!
Noch 31 Euro!

Jan-Frederic Goltz       20.07.2014 23:17
Abpfiff. Glückwunsch Champion.

Lorin Strohm               20.07.2014 23:18
14,00 Euro im Plus! Immer auf den letzten 
Drücker.

Jan-Frederic Goltz       20.07.2014 23:20
Wie beim Fussi eben.


14 Tage und ein paar Treffen später unterschreibt Pola den Vertrag und vergibt den Auftrag an uns. Wir sitzen im Gras vor dem Grünen Jäger und trinken Kiosk-Bier. Am nächsten Tag stecken wir die Köpfe zusammen und beginnen mit der Projektplanung. Thekla hat gute Vorarbeit geleistet, es gibt eine grobe Seitenstruktur, die wir mit unseren Erfahrungen vergangener Projekte ergänzen oder Phasen streichen, die für den ersten Schritt zu viel des Guten sind. Wir versuchen einen logischen Bestell-Prozess durch eine Nutzerin auf einem großen Blatt Papier zu umreissen und erstellen logische Schleifen samt Registrierung, Gutschein-Bestellung, möglicher auftretender Fehler, typische Klickwege und die Bestellabwicklung. Das alles betrifft die Nutzerin der Seite im Frontend. Die Logik im Maschinenraum wiederholen wir im Backend, damit Thekla und Pola eingehende Bestellungen zukünftig entgegen nehmen und abwickeln können. 
Das System wurde von uns auf folgende Logik angepasst: Nutzer schließen ein Abo ab, die registrierte Nutzerin packt ihre vier Sachen in eine Art Warenkorb und drückt »Bestellen« – die bestellten Teile werden aus dem Sortiment genommen und die Bestellung geht in unserer Boutique ein, wird gepackt und verschickt. Das System prüft vorher, ob der Nutzerin zur Zeit ein Päckchen in der Ausleihe hat und sperrt sie für den Zeitraum, bis das Paket mit der alten Bestellung wieder zurück bei der Kleiderei ist. Sogar gekaufte Gutschein-Codes werden für den jeweiligen Wert und Zeitraum angerechnet. Easy. Jedoch gibt es wie bei allen Projekten diese kleinen Kleinigkeiten, die es immer etwas vertrackter gestalten oder Ausnahmen bilden. »Curated Borrowing«. Was das bedeutet, wussten wir zunächst auch nicht. Nur, dass wir eine Lösung dafür finden mussten. Die Nutzerin darf sich normalerweise bis zu 4 Kleidungsstücke ihrer Wahl pro Monat ausleihen. Doch was, wenn man eigentlich nur 2 benötigt und auf die Schnelle nichts passendes findet? Der Wunsch der Kleiderei Girls war eine Art Fragebogen, den Nutzerinnen nach belieben ausfüllen können. Neben Schuhgröße und Lieblings Modehelden, gab es noch ein paar weitere witzige Fragen, die wir gerne mit in das Projekt aufnahmen. Anschließend füllen also die Mädchen bei Bedarf das halb volle Paket nach den entsprechenden Wünschen auf und verschicken es wie gehabt. Konzeptuell gelöst, wie das programmiertechnisch oder gestalterisch aussehen könnte, wussten wir bis dahin nur so halb.

Die Startseite sollte konzeptuell vor allem als ein großes Teaser-Sammelsurieum für die neusten Produkte, Blogeinträge, Informationen und den Social-Feed funktionieren. Zusätzlich sollen die Basics zu den wichtigsten Kleiderei-Fakten erklärt werden.. Alle weitergehende Inhalte können direkt darüber angesteuert werden, um die Klickrate seitenweit möglichst gering zu halten. Ein Blog für Neuigkeiten ist der Klassiker, aber in anderen Systemen seltsamerweise nicht unbedingt ein Standard. Ebenso wenig wie eine globale sichere 256-Bit-SSL Verschlüsselung

für die Sicherheit der Kundinnen. Immerhin geht es beim Registrierungsprozess auch um sensible Bankdaten. Das nächste auf dem großen Zettel waren u.a. eine Sonderseite für Jung-Designer, die auf der Seite mit ihrem Modelabel gefeatured werden sollen. 


Branding



Wir lernten die Mädchen besser kennen, verstanden was sie wollen und wohin sie in Zukunft mit ihrem nicht ganz unanspruchsvollen Projekt hin möchten. Wir kannten die Seiten und Blogs die sie tagtäglich besuchen und von denen sie sich inspiriert fühlen. Wir versuchten noch besser zuzuhören als wir es ohnehin schon taten, denn natürlich wollten wir am Ende ein Endprodukt abliefern, was im Idealfall Erwartungen aus den eigenen Reihen übertrifft und keineswegs so anmutet wie jede andere Modeplattform. Der Druck wurde nicht weniger, die verbleibende Zeit schon. Noch gut 2 Monate um ein Online-Verleih-System samt funktionierendem Backend und schickem Frontend auf die Beine zu stellen. Und es muss funktionieren. Was vor uns lag war das Kleiderei-Logo und die (starke) Bildsprache von Denys Karlinskyy, der sämtliche Fotos für die Mädchen schoss. Doch die Kleiderei war mehr als das. Da stehen zwei toughe Frauen, die den Laden schmeissen, ein Freundeskreis und eine Crowdfunding-Gemeinde, die sie voll und ganz unterstützt. 


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Foto: Denys Karlynskyy

In den kommenden Wochen entwickelten Lorin und Atelier Disko basierend auf unseren Konzept-Sheets ein Gestaltungsraster und erste Design Drafts, die einen Rahmen um die Bildwelt von Denys Bildsprache ziehen sollte. Der Bildstil der Product Shots wurde von Denys festgelegt und floss in die Gestaltung mit ein. Entstanden sind in dieser Phase zwei Design-Routen mit ähnlichen Design-Prinzipien, die wir Thekla und Pola in einer Präsentation vorstellten. Interessant ist die Entwicklung und Veränderung dieser Routen während des Gestaltungs-Prozesses:

Das Gestaltungsraster, Rastersystem oder auf Englisch auch Grid genannt, ist ein Ordnungssystem in der visuellen Kommunikation, das als Hilfskonstruktion die Organisation von grafischen Elementen auf einer Fläche oder in einem Raum erleichtert. Gestaltungsaufgaben, in denen der Raster Anwendung findet, sind meist typografischer Art.


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Early design concept sketch.

Im Verlauf des Projektes wurde uns bewusst, dass wir mit unserem Design weitere Corporate Elemente und eine weitere Design-Sprache neben der Fotografie prägen und für die Zukunft festlegten und implementieren. Sicher, in erster Linie bewegen wir uns in der Welt der Mode, jedoch durften viele Elemente nicht zu präsent oder offensichtlich sein oder z.B. durch augenwischende Animationen vom eigentlichen Inhalt ablenken. Spielereien sind legitim, sie machen Dinge lebendig, aber sie dürfen auf keinen Fall einem reibungslos funktionierenden Bestell-Prozess im Wege stehen. Online-Shops haben auch immer einen konservativen Beigeschmack. Am Ende muss es funktionieren und logisch sein. Immer wieder und wieder Design-Iteration zwischen Lorin und uns. Fühlt sich an wie Ping-Pong. Man spielt sich die Bälle zu. Währenddessen im Social-Stream: Eine Facebook-Nutzerin fragt, wann endlich die Seite online sei. Es sind nicht einmal 4 Wochen, seit dem erfolgreichen Crowfunding vergangen. Man hat Verständnis für solche Art von Fragen. Dennoch merkt man dabei deutlich, wie schnelllebig unsere vernetzte Welt funktioniert. Alles. Sofort. Jetzt. Nicht gleich. Man selbst hat das Wissen, wie langwierig der Prozess eines Website Launches ist – eine Seite von Null auf Hundert online zu bringen. Schließlich beschäftigt man sich tagtäglich damit. Es ist unser Job. Jemand, der all die Seiten im Netz absorbiert nicht. Alles läuft immer reibungslos und nach Plan. Amazon läuft, Google läuft. Ebay, 1,2,3 meins. Bei Wikipedia nach Gerhard Richter suchen. Bruchteile von Sekunden: Ergebnis. Halb Deutschland tummelt sich auf dem Server. Kein Problem. Läuft. Macht zwar Krach und warme Luft, aber davon bekommt ja niemand etwas mit. Drei Leute sitzen derweil im Büro in Hamburg und arbeiten an der Seite. Keine 120-Köpfige Belegschaft, die für jede Tätigkeit einen Spezialisten hat, der über die nötige Kapazität verfügt. Konzept, Iterationen. Abstimmen. Beschließen. Fehler finden. Probleme lösen. Schleifen. Gestaltung. Iterationen. Gestaltung. Von vorn. Abstimmen. Beschließen. Fehler finden. Probleme lösen. Verbessern. Abstimmen. Reinzeichnen. Reden. Noch mehr reden. Programmieren. Fehler finden. Probleme lösen. Neue Probleme finden. Ausbessern. Schleifen. Im Idealfall Abgabe nach Zeitplan.  

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Prerelease. Oder: Der natürliche Druck.
»Release early, release often – In der Höhle der Löwen«

Nicht viele Auftraggeber machen so etwas mit. Dabei ist es eine der klügsten Dinge die man anstellen kann, um Fehlerquellen aufzudecken: Beta Versionen, die einen ersten Eindruck zeigen, aber noch nicht die vollständige Funktion aufweisen. Dabei war »Beta« doch Mitte der 2000er Jahre ein beflügeltes Wort.

Jedoch kam die Entscheidung für einen Beta-Launch etwas plötzlich. Wir waren gut im Zeitplan, obwohl eCommerce Projekte immer etwas Unberechenbares an sich haben. Angepeilt war der Launch Ende Oktober, je nach dem wie die Testphasen verlaufen und ob nicht doch noch etwas Unvorhergesehenes eintritt. Ja, tatsächlich war da noch eine Kleinigkeit. Etwas, das wir bis dahin gar nicht wussten. Die Kleiderei hatte ursprünglich vor, die Gelder für die Website in der Sendung »Die Höhle der Löwen« zu sammeln. Keine schlechte Idee, obgleich wir inhaltlich gesehen einige Bedenken hatten. Der Kontext in dem man sich bei einem solchen Format bewegt ist durchaus etwas konträr zu einem Projekt, was eigentlich unter dem Stern des Begriffs »Teilen« steht. Nun war es jedoch zu spät. Die Sendung war längst abgedreht und der Ausstrahlungstermin rückte näher. Wir mussten handeln und brachten eine Vorabversion der jetzigen Site pünktlich online.

Release early, release often (zu deutsch: Veröffentliche früh, veröffentliche häufig) ist ein Leitsatz in der Softwareentwicklung. Er empfiehlt die häufige Veröffentlichung kleinerer Softwareumfänge gegenüber seltenen, großen Umfängen. Geprägt wurde der Leitsatz übrigens von Eric S. Raymond in seinem Essay »Die Kathedrale und der Basar« aus dem Jahre 1997. Falls man das mal nachschlagen möchte. Kurz vor der Ausstrahlung schrieb ein Vox-Mitarbeiter eine Mail an Pola, die uns die Nachricht freundlicherweise an uns weiterleitete:


»Hallo liebe Gründer,

nach Erfahrungen aus den vergangenen Sendungen sind die Zugriffe auf die Server der ausgestrahlten Unternehmen immens hoch gewesen. Um zu vermeiden, dass der Server / eure Website dann nicht mehr erreichbar ist, möchten wir auf diesem Wege und jetzt schon einmal auf dieses mögliche Problem hinweisen. Vielleicht möchtet ihr vorab also eure Serverkapazität checken.«



Aha. Serverkapazitäten checken. Wir checkten darauf hin erst einmal die Einschaltquoten und mussten feststellen, dass gut 1,6 Millionen Zuschauer die Sendung verfolgen. Seltsamerweise hatten wir das Gefühl, dass wir kurz davor sind uns selbst in die Höhle der Löwen zu begeben. Machen wir das beste draus. Und bleiben erstmal tiefenentspannt. Wir luden Thekla, Pola, Anika Väth – die sich um die PR der Kleiderei kümmert – Lorin und Denys den Fotographen zum Pizzaessen und VOX glotzen ein. Wir hatten einen Termin. Am 14.10. muss das Ding online stehen. Wenn auch in leicht abgewandelter Form, als zum eigentlichen Lunch, äh, Launch-Termin. Beta here we come: Gut, dass wir das Projekt auf unseren Servern selbst hosten, alles selbst unter Kontrolle haben und nicht auf Drittanbieter angewiesen sind. Mit Ausnahme von Cloudflare, die uns durch freundliche Unterstützung vor schlimmen Dingen bewahrt haben. 


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Was unterm Strich bleibt, wirkt sich unserer Meinung nach durchaus positiv für das Unternehmen der beiden jungen Frauen aus. Sie haben es trotz erster Niederlage geschafft auch ohne die Hilfe von Investment Geldern an ihr Projekt zu glauben und es einfach durchgezogen, um an den Start zu gehen. Ob sich das wirtschaftlich rentiert steht natürlich auf einem anderen Blatt, das war auch in der Sendung Kritik und Ausschlusskriterium bei den potentiellen Geldgebern. Die Nutzerkommentare und die fast durchweg positive Resonanz auf das Projekt zeigt jedoch, dass es sehr wohl Anhängerinnen gibt, die endlich Kleidung aus ganz Deutschland leihen wollen. 

Januar 2014. Draußen ist es unangenehm kalt. Seit über zwei Monaten ist die Online-Kleiderei nun online. Sie läuft. Menschen bestellen. Es hat funktioniert. Am Ende haben wir nicht nur geholfen ein tolles Projekt zum Leben zu erwecken auf das wir alle stolz sein können, sondern gleich noch eine adäquate Form gefunden um hier zu beschreiben, was wir tun, was unsere Software tut und wie ein Arbeits-Prozess bei Atelier Disko aussieht. Und neue Freunde haben wir auch gefunden.

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Together we made it happen (again).

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